Zur Groswin-Frage

Wer sich mit den Anfängen der Stadt Anklam beschäftigt, wird auch immer auf die Frage nach Groswin stoßen, einmal, weil die alten Historiker Groswin und Anklam als das gleiche ansahen und dann, weil kein größerer Ort in der terra (Landschaft) Groswin bekannt ist. In neuerer Zeit hat noch Prof. Dr. Bäumer den Standpunkt vertreten, daß das alte Groswin im Westteil der Stadt Anklam zu suchen sei. Zu gleicher Zeit hat aber Prof. Dr. Bruinier diese Meininung nicht mehr geteilt, obwohl ihm der Name "Land to Loitze" am Ende der Mägdestraße dies zu bestätigen schien. Unter Hinweis auf Dr. Hermann Bollnow vermutete er Burg und Ansiedlung Groswin "1 Meile mehr westlich", zumal bei den arbeiten für die Kanalisation im Stadtgebiet 1925/26 keine Spuren für eine Burganlage gefunden wurden. Dr. Eggert, der bei der Behandlung der Wendenzüge Waldemar und Knut VI auch die Frage nach Groswin behandelte, zumal mehrmals von Zügen und Zerstörungen nach und von Groswin in den Quellen gesprochen wird, lokalisiert Groswin zwischen Anklam und Stolpe, wobei ihm allerdings eine Bemerkung beim gemeinsamen Zug Heinrich d. Löwen und Waldemars Probleme bereitet. Es wird da berichtet, daß beide sich treffen und zwar Heinrich, der von Grosum kommt (auf dem Landwege) und Waldemar zu Schiff von Osten her also. Am nächsten Morgen geht Heinrich nach Demmin und Waldemar nach Stolpe . Wenn aber Grosum gleich Groswin zu setzen ist, müßte der Ort westlich von Stolpe gelegen haben. Dennoch lokalisiert er auf seiner Karte Groswin östlich von Stolpe. Er vermutet, der Verfasser der Knytlinger Sage habe die Landschaft Groswin gemeint. Er hätte auch an Grüttow denken können, das mit einer Burg gleichsam die Tür zum Gebiet des Kloster Stolpe bewachter.(*1)

Wenn diese Forscher sich im wesentlichen auf schriftliche Quellen stützten und sich lediglich wie Bruinier durch Funde oder Nichtfunde bestimmen ließen, so hat Dr. Ulrich Schohknecht der Bezirksbodendenkmalpfleger auf Grund der überaus umfangreichen Funde im Raum Görke den Schluß gezogen, Groswin müsse im Raum Görke gelegen haben, Sicherheit dafür könnte natürlich nur eine Grabung erbringen. Aber in der Tat schon die Fülle der Funde und auch die Art der Fundstücke selbst lassen auf einen bedeutenden Ort schließen. Überträgt man nun die Fundorte und sie Besonderheit einzelner Fundgegenstände auf eine Karte, so läßt sich Groswin, Burg und Ort schon recht genau lokalisieren. 2*

Daß Flurnamen Aussagen über Art und Zweck vor- und frühgeschichtlicher Fundstellen geben können, ist bekannt, so könnten auch die für den Raum Görke bekannten Flurnamen hilfreich sein. Dabei ist aber zu bedenken, dass -besonders alte Namen- eine Veränderung erfahren, wenn der alte Sinn nicht mehr erkannt wird, was besonders bei einst slawischen Namen der Fall ist. Die Namen im Raum Görke sind.: Butterbarg, so schon um 1700, Muschwiter Kamp (Moskuwiter-Kamp), Bakenfeld, Lindenberg, Lüsebrink und Granddamm. Butterbarg deckt sich einmal mit den Fundstellen 5 und 8. Hier wurde viel slawische Keramik (Sukow, Fresendorf, Garz und Vipperow, auchTeterow) gefunden, außerdem Schlittknochen (Schlittschuhe), Netzsenker, Messer und Schwerter, darunter ein Wikinigerschwert, Butterbarg gleich Busterbarg gleich Borstaborg bietet sich also an, das heißt Bohlenburg. Die meisten Butterberge, der Flurname ist häufig, findet man auf kleinen Erhebungen in sumpfigen Gelände ,hin und wider auch auf Höhen. Man kann also vermuten, hier lag die Burg Groswin oder anders gesagt, eine der Burgen ,die die Siedlung Groswin schützen sollten. Denn westlich des Stegenbaches gibt es noch einen weiteren Butterberg. Hier sind mir Funde nicht bekannt, wohl auch kaum gemacht worden, weil das Gelände Wiese bzw. Koppel ist.

Die Flurnamen Bakenfeld und Lindenberg decken sich mit den Fundstellen 11 und 17. Bei 11 wurde ein wendischer Mahltrog gefunden und bei 17 24 Herdstellen ohne datierbare Nebenfunde. Ob zwischen Tatbestand der Fundstelle und dem Flurnamen eine Beziehung besteht, weiß ich nicht. denn Bakenfeld im Kern deutsch oder dänisch ist, so wäre an Barkenfeld zu denken das heißt dort hätte man die kleinen Schiffe an Land gezogen. Das nördlich davon legende sumpfige Gelände könnte gut ein Hafen gewesen sein und die Feuerstellen hätten zu Hütten gehört, in die Schiffsbesatzungen vorübergehend sich zum Essen oder Schlafen begeben hätten. Hat das Wort aber eine slawische Wurzel, wäre evtl. an bara gleich sumpf zu denken oder an bac Abgabe? Bei Granddamm bietet sich vielleicht die Deutung Graddamm bzw. Garddamm gleich Burgdamm oder steckt das Wort granb darin, mit der Bedeutung Grenze, Markstein? Eine Deutung für Lindenberg ist auch schwierig. Standen auf dieser Höhe einmal Linden, so ware es einfach. Der hochdeutschen Form konnte aber auch eine niederdeutsche, etwa Linnenbarg vorhergegangen sein und diese wieder eine slawische Wurzel haben. Man könnte wie in Anklam an Limen denken, bei dem das "m" sich auch in "n" wandelte. Der Lindenberg wäre also der Berg, der dem Hafen Schutz gab. So hat auch bei Gützkow der Berg südlich, vermutlich auch hart neben einem ehemaligen Hafen den Namen Linde bewahrt. Es bleibt schließlich noch der Flurname Lüsebrink für eine Ackerkuppe, die am Nebenlauf des Stegenbaches von drei Seiten von Wiesen bzw. Sumpf umgeben ist. Berneker bietet u.a. Lyza Schneeschuh, Barkenkiel "Art Barke auf dem Dniepr und Bug", auch flaches langes Boot an, was durchaus als Liegeplatz für solche Boote gelten könnte. Übrigens Lytbka bedeutet Bein, Schenkel, Wade. Die von Lüskow aber hatten im Wappen ein Bein, die von Riben den Fisch. Ich denke, man kann daraus schließen, sie wußten von slawischer Herkunft ihrer Familie. Schließlich sei noch die "grüne Wiese" genannt. Dort befand sich vor dem Krieg ein gern besuchtes Ausflugslokal der Anklamer. Woher stammt dieser Name? Hat er etwa etwas mit dem "Groswinschen Weg" zu tun, von dem Stavenhagen noch wußte. Der Weg vom "Groswinschen Wech" zum hochdeutschen "Grüne Wiese" ist leicht zu gehen. Als das Volk von Groswin nichts mehr wußte, wurde aus dem Groswinschen 'der "Grönwischen Wech" und dann die "grüne Weise". Welcher Schluß liegt nun auf Grund von Funden und Flurnamen nahe?

1.


2.


3.

4.

5.


6.
Flurname Butterberg verbunden mit den Fundplätzen 5 und 8 sprechen von einer Burg, um die gekämpft wurde, die gefundene Keramik reicht von frühslawischer Zeit bis zur späten, von Sukow bis Vipperow.

Die Fundplätze 15, 5, 27 und Anklam 74, 77, 78 belegen große Siedlung für die gleiche Zeit, deren Bewohner auch handwerkliche Tätigkeit ausübten. Kammproduktion und vielleicht gar Bronzeguß

Bei Fundplatz 1 lag vielleicht der Krug.

Bei Fundplatz 11 und 17 kann der Hafen gelegen haben.

Fundplatz 6 hat nur Feldbergkeramik, ein Steinpflaster und einen Sporen, einen eisernen Doppelmeißel und Geweihteile. War es eine Werkstatt?

Der Butterberg nordwestl. von Görke ist ohne Funde. Barg diese Bohlenburg eine Kultstätte?


Zu erwähnen ist schließlich noch, daß Müggenburg in der Urkunde vom 14. August 1338 zu Frankfurt ausgefertigt anläßig der Einigung zwischen Otto und Barnim von Pommern einerseits und Markgraf Ludwig von Brandenburg andererseits als Hauptburg des Landes Groswin genannt wird. Es werden aufgeführt : Her Wittig von der Ost mit dem hus und mit dem Lande Demmin, und was darzu gehort, Her Dubzlowe von Eychsted mit dem hue ze Klempenowe und was darzu gehort, Her Werner von Zwerin mit dem hus Hayn und was darzu gehort, Her Hermann von Newnkirch mit dem hus ze Muggenburg und mit dem lande ze Groswin und waz arzu gehort. (nach Urkunde Geschlecht Schwerin, nach Cod. dipl. Brandenb. II 2 S.129 Nr.748).

Weil nun Müggenburg ein slawisch-deutsches Mischwort ist mit der Aussage große Burg oder Hauptburg, ist nicht auszuschließen, daß möglicherweise schon zur Zeit der dänischen Feldzüge im 12. Jahrhundert hier die Haupburg von Groswin lag und die Burgen an der Stegenbachmündung nur dem Schutz des Fleckens und des Hafens von Groswin galten. Bodenfunde, die das belegen würden, sind mir nicht bekannt. Doch spricht der slawische Name dafür, daß diese Burg ihren Namen bekam, ehe sie eine deutsche Besatzung bekam.


Anmerkung 1
Gesetzt den Fall, Heinrich der Löwe ist beim Hindernis in der Peene (Steinpflaster Höhe Burgstraße) zu Waldemar an Bord gegangen, machte dann dem König ein Kompliment in Bezug auf seine Segelkunst und fuhr mit ihm weiter nach Westen und dabei sehr bald an Stolpe vorbei, am nächsten Morgen stieg er an Land und zog mit seinem Heer, das an Land gefolgt war, nach Demmin, Waldemar fuhr zurück nach Stolpe.

Anmerkung 2
Siehe Anhang : Funde laut Fundmeldungen und Karten.


Literatur

Bäumer, Rudolf

Berneker, Erich
Bollnow, Hermann
Brunier, I. W.
Eggert, Oskar

Koepke, Peter
-
Carl Friedrich
Schoknecht , Ulrich
Die Entstehung Anklams, Tatsachen und Vermutungen, in Festschrift Gymnasium Anklam 1535 - 1935
Slawisches etymologisches Wörterbuch Heidelberg 1924
Wann wurde Anklam gegründet, in Heimatkalender 1932
Anklams Werdegang in Kreis Anklam, Heimatbuch 1935
Die Wendenzüge Waldemars I und Knut VI von Dänemark. In: Baltische Studien N. F. xxix und xxx und Heimatkalender Anklam 1928
Ausgrabungen und Funde 'Heft 2,1953,
Stadtkernforschung Stavenhagen,
Chronik von Anklam 1773
Einige bemerkenswerte frühgeschichtliche Funde aus Görke, Ausgrabungen und Funde. Jahrbuch d. Bodendenkmalpflege in Meklenburg 1963


Quellen:

Archiv des Heimatmuseum Anklam

Fundberichte:

Bodendenkmalpflege lege, Akte Flurnamen
Schwedische Landesvermessung, Ausrechnungsbuch A III b Nr.53


Fundplätze und Funde im Raum um Görke:


Görke

Nr. Baggerfund / Oberflächenfund Gegenstände
Keramik
anderes




1
Siedlungsgrube Feldberg
2 eiserne Nägel mit Nietplatte wie in Gräbern
2
Baggerfund k. Feldberg Garz
Bartaxt, Wetzstein u.a.
3
Baggerfund Vipperow, Teterow Fr.dtsch römische Münze, Bügelknopf, Fibel, Tonei, Schifferkessel u.a.
4
Baggerfund
vollständige slawische Mühle
5
Baggerfund Sukow,
Fresendorf, Graz
9 Meldungen Vipperow,
Teterow

Wikingerschwert, Schwert, Schlittknochen u.a.
Geweihbeschlag u.a.
6
Feldberg
Sporen Hirschrose
7
Feldberg Steinpflaster Bügelschere
8
3 Meldungen Feldberg
eisernes Messer, Netzsenker, Schieferwetzstein, Hakenschlüssel, Griffangelmesser,
Kammacherabfälle
11


Mahltrog



Hacksilber
13
in der Peene Bronzez.
sp. Kaiserz.
Völkerwanderung
eiserne Prachttrense, bronz. Griffangelschwert
Hufeisen, Netzsenker
15
Feldberg
neolith. Siedlung
17


24 Herdstellen ohne datierbare Funde
25

altslawisch
Mittelalter
Spinnwirtel, Wetzstein, Sandsteingußform,
Spielsteine, Kammproduktion, Geweihspr.,
Tüllengriff, Kacheltopf,
27

früh. dtsch.

Spinnwirtel



Anklam

Nr. Baggerfund / Oberflächenfund Gegenstände
Keramik
anderes




74

Bronzezeit
Mittelalter

Netzsenker
77

Steinzeit
Kaiserz.
Mittelalter


Hohlschläfenring u.a.
78
Feldberg- Vipperow
Höhe Grüne Wiese